Frauen sehnen sich nach Bindung und machen sich auf den Weg. Männer schauen Porno.

In unserer Arbeit steht immer die Individualität der Klient*innen im Zentrum. Jeder Mensch ist einzigartig, jede Beziehung hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Verletzlichkeit und ihre eigene Weise, mit Nähe und Distanz umzugehen. Auch wenn wir hier mit den Begriffen Frau und Mann arbeiten, wissen wir sehr gut, dass sich viele Menschen in diesen Labels nicht oder nicht ganz wiederfinden. Wir hoffen sehr, dass sich auch sie willkommen fühlen und sich in der beschriebenen Thematik vielleicht wiedererkennen können. Denn die Sehnsucht nach Bindung, die Angst vor Verletzung und das Ringen um Nähe und Sicherheit sind zutiefst menschliche Erfahrungen – weit über starre Kategorien hinaus.

Wir freuen uns, wenn ein Paar zu uns kommt, bei dem die vertraute Dynamik einmal andersherum verteilt ist: Die Frau wirkt eher vermeidend, der Mann eher suchend, drängend, protestierend. Die Frau tendiert mehr in Richtung unsicher-vermeidender Bindungsstil, der Mann eher in Richtung unsicher-ambivalenter Bindungsstil. In solchen Paaren erleben wir nicht selten auch, dass Fürsorge, Verantwortung und Care-Arbeit oft gleichwertig verteilt sind.

Viel häufiger melden sich Paare, in denen die Frau die Partnerin ist, die Nähe sucht, das Gespräch sucht, Entwicklung sucht, und der Mann ist derjenige, der sich zurückzieht, rationalisiert, abwiegelt oder nicht versteht, warum „so ein großes Thema“ daraus gemacht wird. Dann entsteht oft ein schmerzhaftes Ungleichgewicht.

  • Frauen sehnen sich oft nach Bindung — und sie machen sich auf den Weg. Sie lesen Bücher und hören Podcasts, zum Beispiel von Verena König, Dami Charf oder Oskar Holzberg. Sie interessieren sich für Bindung, Trauma, Nervensystem und Beziehungsmuster. Manche beginnen eine eigene Therapie. Manche möchten eine EFT-Paartherapie. Manche melden sich sogar für ein EFT-Basistraining an, weil sie verstehen wollen, was zwischen Menschen geschieht, wenn Nähe unsicher wird und wie es auch anders kann.
  • Und Männer? Natürlich nicht alle. Aber erschreckend viele reagieren auf Beziehungsschmerz, Einsamkeit und Überforderung mit Rückzug, Funktionieren, Abspaltung – oder mit Pornografie. Sie sagen: „Mit mir ist alles okay.“ und „Meine Kindheit war schön.“ Sie bleiben sachlich, während innerlich oft längst etwas verstummt ist.
  • Und nicht selten streiten diese Paare sich über den Wunsch nach Kindern, und bleibt, wenn Kinder da sind, die Care-Arbeit weiter bei den Frauen hängen: die emotionale Arbeit, die Beziehungsarbeit, die Familienarbeit, die Verantwortung für Verbindung.

Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist eine kulturell tief eingeübte Tragödie.

Denn wenn Frauen die Sehnsucht tragen und gleichzeitig auch noch den Weg, die Sprache, die Initiative und die Hoffnung mittragen müssen, dann erschöpft etwas in ihnen. Dann kippt Sehnsucht in Protest. Dann kippt Lebendigkeit in Bitterkeit. Dann fühlt sich Sex abgetrennt an und wird Liebe zu Einsamkeit zu zweit.

Und auf der anderen Seite stehen oft Männer, die nicht „bindungsunfähig“ sind, sondern bindungsverängstigt, bindungsunerfahren, bindungsbeschämt. Viele haben nie gelernt, dass auch sie Bindungswesen sind. Dass ihre Härte oft Schutz ist. Dass ihr Rückzug nicht Freiheit schafft, sondern Verlassenheit. Dass Pornografie zwar kurzfristig regulieren kann, aber keine Resonanz gibt. Kein Gegenüber. Kein Berührtwerden. Kein Ankommen.

In der EFT sehen wir hinter diesen Mustern nicht einfach schlechte Gewohnheiten, sondern Schutzstrategien. Wir sehen Menschen, die nach Bindung hungern und zugleich genau das vermeiden, was sie am dringendsten brauchen. Wir sehen Frauen, die oft schon lange um Beziehung kämpfen, sich sehnen nach ein Kind und irgendwann nicht mehr können. Und wir sehen Männer, die häufig erst sehr spät merken, dass auch in ihnen eine tiefe Sehnsucht lebt: gebraucht zu werden, wichtig zu sein, berühren zu dürfen, emotional in Resonanz zu gehen, Halt zu geben und Halt zu bekommen.

Genau dort möchten wir in der bindungsbasierten EFT nach Sue Johnson da sein.

Wir möchten Prozesse begleiten, in denen Männer mehr entdecken, dass auch sie Bindungswesen sind – und darin wachsen können. Dass Verletzlichkeit eine Stärke ist. Dass emotionale Präsenz lernbar ist. Dass Männlichkeit nicht kleiner wird, wenn ein Mann fühlt, sondern menschlicher.

Und wir möchten Frauen darin unterstützen, neue Beziehungserfahrungen zu machen: Da ist jemand, der mich emotional hält. Da ist jemand, den ich brauche und der mich braucht. Da ist jemand, bei dem ich ehrlich und verletzlich sein kann, ohne alleine zu bleiben. Da ist Gegenseitigkeit.

Vielleicht ist das einer der großen Beziehungsschmerzen unserer Zeit: dass Frauen sich auf den Weg machen und Männer oft noch nicht wissen, dass auch sie unterwegs sein dürften.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Hoffnungen unserer Arbeit: dass zwei Menschen sich wieder als Bindungswesen erkennen. Nicht nur eine Frau, die fühlt, und ein Mann, der ausweicht. Sondern zwei Menschen, die einander brauchen, einander erreichen und miteinander wachsen können.

Hat Ihnen der Beitrag geholfen?

 

Diese Seite teilen